Spitznamen

Einer der Vorteile des Studentenlebens ist die Masse an gleichaltrigen und -gesinnten Menschen, mit der man zusammengeworfen wird. Da ist für jeden Geschmack ein Freund dabei. Der zugehörige Nachteil ist die Unmöglichkeit, diese Menschen alle mit Namen zu kennen. Es gibt keine Vorstellungsrunden, keine Namensschilder und schon gar keine Kennenlernspielchen in der ersten Vorlesung.

Man wächst also in „seinen“ Kreis, der sich gemächlich ausweitet, aber im Grunde der selbe bleibt. Dennoch entsteht, gerade unter Mädchen, ab und zu das Bedürfnis, über (namens-) fremde Mitstudenten zu reden. So entstehen dann Spitznamen, von denen der Betroffene selbst wahrscheinlich nie etwas erfährt.
Mit uns an der FH studieren zum Beispiel „das Reh“, die sich mit besonders blöden Fragen hervortut, „die Rothaarige“, die meiner Meinung nach höchstens rotblond ist, „Harry Potter“, der durch ein naives Äußeres besticht und „Billie Joe“, der eine deutlich bessere Frisur hat.
Es wird sogar noch schlimmer, denn die meistbesprochenen längsten Spitznamen werden von uns inzwischen abekürzt – Effizienz ist alles. Da gibt es vor allem „SchieZo“, ehemals „schiefer Zopf“, die offenbar keinen Spiegel besitzt und „SchiePo“, in Langform „schiefes Pony“, der diesen Schnitt offenbar für modisch hält.
Richtig kompliziert wird es aber erst dann, wenn es mehrere Namen für eine Person gibt oder ein Name sich durch das Zugewinnen weiterer Informationen wandelt oder einige Personen namensgebende Fakten kennen und andere nicht. So geschehen bei der „Zahnarzthelferin“. Ich hatte lange Zeit keine Ahnung, dass meine Freundinnen bei Gesprächen über „die 38jährige“ die „Zahnarzthelferin“ meinten. Es klärte sich schließlich auf, als der Name sich zu „die mit dem schwarzen Kind“ wandelte.

Nun habe ich aber ein Problem. Die „Zahnarzthelferin“ und ich sind inzwischen eine Vorlesungs-Symbiose eingegangen. Unser beider Freundeskreise begleiten uns nicht zu Controlling, so haben wir uns angenähert und inzwischen habe ich sie überredet, ihren Platz in der ersten Reihe aufzugeben (Controlling ist immer morgens, da bringt mein Anblick den Dozenten nur unnötig aus dem Konzept) und sie bekommt von mir Hilfe, wenn sie eine Formel nicht findet. Wir unterhalten uns gut, zusammen macht die Vorlesung mehr Spaß als allein.
Aber: Wie fragt man jemanden, mit dem man seit Wochen Sitznachbarschaft pflegt, nach seinem Namen?! „Zahnarzthelferin, wie heißt du doch gleich?“